20090226 (Teil 2) \  Gastbeiträge \  Joy-Of-Use
Joy-Of-Use
Gastbeitrag von Andreas Ahmann,  
Leiter Business Development, Cey
oniq Technology GmbH,  E-Mail: A.Ahmann@Ceyoniq.com 
Webseite:
www.ceyoniq.com 
Das iPhone ist aktuell in aller Munde.  Warum ist das so? Ein Gerät, mit dem man telefonieren, fotografieren, Musik hören und surfen kann ist schließlich nicht neu. Handys tun das heutzutage. Was ist an dem iPhone denn nun anders? Meiner Meinung nach gibt es darauf eine ganz einfache Antwort: Es trifft den Geist der Zeit, den neuen Megatrend „Joy-Of-Use“, oder auch zu Deutsch „Freude am Benutzen“.
Wir finden Technologie heutzutage überall. Wir verlassen uns vielfach so sehr auf sie, dass wir nicht mehr ohne sie zurechtkommen. Firmen schicken ihre Angestellten nach Hause, wenn der Server ausfällt. Das ist kein Einzelfall. Aber die Technologie als reines Hilfsmittel ist überholt, da inzwischen die Funktionalitäten der Lösungen den eigentlichen Bedarf in vielen Fällen weit übererfüllen. Dadurch hat die „Featuritis“ – also das Streben nach immer mehr Funktionalität von Hardware und Software – inzwischen in vielen Bereichen ein Ende gefunden. Viele Menschen, die nicht ständig auf der Höhe der Technologie bleiben, können inzwischen nicht mehr sinnvoll damit umgehen. Ich sehe das immer in Mietfahrzeugen: Lenken, Gas geben, bremsen… kein Problem. Aber wer von uns hat nicht schon mal nach dem Knopf für die Tankdeckelentriegelung gesucht, den Kofferraum nicht aufbekommen und mal ganz zu schweigen vom Autoradio. Ich hatte jahrelang ein Grundig Radio, später ein Blaupunkt Radio. Warum? Weil die nicht so viele Knöpfe hatten!
Und so ist das auch mit dem iPhone. Klar, es kann „nur“ telefonieren, Musik spielen, Fotos machen und so weiter … aber man muss nicht studiert haben, um es Benutzen zu können. Das Geheimnis heißt „Direkte Manipulation“. Man drückt nicht irgendwelche Knöpfe und dann erscheint auf dem Bildschirm das Ergebnis, sondern man manipuliert, also bewegt, verschiebt, dreht, „berührt“, vergrößert etc. die Objekte direkt. Bekanntestes Beispiel ist hierfür das Windows Kartenspiel „Solitär“. Hier bewegt man die Karten mit der Maus direkt auf einen Stapel und lässt sie dort fallen - nicht wie z.B. bei frühen Schachcomputern mit Befehlen wie „A2 nach A4“. Und wem macht Solitär nicht irgendwie mehr Spaß als andere Spiele, bei denen das nicht so ist? Ich glaube, genau diese direkte Manipulation macht den großen Unterschied - auch den zwischen einem iPhone und einem herkömmlichen Handy mit vielen Tasten.
Und was bei Konsumenten im Trend liegt, dass lässt in der Business-Welt nicht lange auf sich warten. Vor allem nicht in der IT. Hat vor nicht allzu langer Zeit noch die IT-Abteilung über die Anschaffung neuer Systeme entschieden, so findet man nun vor allem die Fachbereiche, also die Anwender, unter den Entscheidern. Diese haben als Konsumenten bedienerfreundlicher IT kein Verständnis mehr für Anwendungen, die weder „hübsch“ noch „bedienerfreundlich“ sind. Es sollen hoch spezialisierte Anwendungen und zudem noch angenehm anwendbar sein.
Ich bin davon überzeugt, dass wir – vor allem auch in der B2B-Welt – diesen Trend in den nächsten Jahren immer mehr spüren und darauf reagieren müssen.
Das Thema Mensch-Computer-Kommunikation beschäftigt auch eine Arbeitsgruppe einer lokalen Universität, mit der wir in einem eigens dafür geschaffenen Projekt seit einiger Zeit kooperieren. Wenn es nämlich um Dokumente – „Content“ – geht, kann man das Prinzip der direkten Manipulation sehr gut anwenden. Wie arbeiten Sie denn herkömmlich mit dem Medium „Papier“? Sie legen es beiseite, wenn Sie es gerade nicht mehr brauchen, holen es wieder her, wenn Ihr Prozess es erfordert. Sie drehen es rum, schreiben darauf, bringen Stempel an, klammern es, heften es ab, sortieren es ein und so weiter. Herkömmliche Applikationen verstehen unter „einsortieren“ aber unter Umständen etwas ganz anderes als Sie: Computer sortieren nach Alphabet, Zahlen etc. … Ich persönlich sortiere aber auch nach solchen Dingen wie „Wann brauche ich diesen Ordner das nächste Mal?“. Woher soll das eine Applikation wissen?
Oder ein anderes Beispiel: Haben Sie sich schon mal die Frage gestellt, was auf der „Rückseite“ eines PDF-Dokumentes steht? Ich weiß, es ist eine sehr ungewöhnliche Vorstellung, ein PDF einmal umzudrehen - aber warum nicht? Wieso sollten wir nicht ein Stück weit die „direkte Manipulation“ von Objekten in Anwendungen so bauen, wie sie in der Realität tatsächlich vorhanden sind. Sie werden feststellen, dass nicht nur der Trainingsaufwand erheblich reduziert ist, sondern auch, dass die Mitarbeiter die Benutzung als deutlich angenehmer empfinden, sich weniger über diesen „blöden Computer“ ärgern, der sowieso nicht das tut, was man will und ihn so intuitiver bedienen. In Zukunft „tun“ sie direkt, also gibt es diese „Missverständnisse“ zwischen Mensch und Maschine nicht mehr.
Hand in Hand mit „Joy-Of-Use“ geht die Vereinfachung von Anwendungen. Klar, man kann ein Kontext-Menü über den ganzen Bildschirm füllen. Aber wenn man schon von „Kontext“ spricht, warum nicht überflüssige Funktionen weglassen, statt sie auszugrauen. Schafft man es vielleicht sogar, ganz auf dieses Kontext-Menü zu verzichten? Vielleicht nicht immer und in jeder Situation. Aber versetzen Sie sich einmal Lage eines Anwenders, der keine jahrelange Erfahrung mit der Applikation hat. Um diesen nicht zu verwirren, sondern ihn vielmehr bei der Erreichung seines Ziels zu unterstützen, bieten Sie ihm doch nur die Funktionen, die er wirklich benötigt.
Wir finden es wichtig, gezielt Funktionalitäten wegzulassen, Dinge die man häufig braucht einfach erreichbar zu machen und andere Dinge zu verbergen. Wir wissen bereits, was auf der Rückseite eines PDFs steht. Wenn auch Sie es wissen wollen, sprechen Sie mich an.
 
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